Liebe Mitglieder der MASH-Gemeinden!
Herr Kroll las den Zettel dreimal: „Ab sofort geschlossen.“ Der kleine Schuhladen an der Ecke, seit Jahrzehnten – einfach zu. Er blieb stehen, nicht aus Gewohnheit, eher aus Trotz, als könnte sich die Tür umentscheiden.
Drinnen war es dunkel. Im Schaufenster lag noch ein einzelner Schuh, Größe 43, sein Maß. Früher hätte er gelacht, heute dachte er: ausgerechnet. Neben ihm blieb eine Frau stehen, die er vom Sehen kannte. „Alles hat seine Zeit“, sagte sie leise, fast wie zu sich selbst. Dann ging sie weiter.
Herr Kroll verzog das Gesicht. So ein Satz half ja niemandem. Dinge hatten zu bleiben, fand er. Verlässlich zu sein. Nicht einfach zu verschwinden. Sonst fing es irgendwo an – und hörte nicht mehr auf. Er ging nach Hause. Zog die Schuhe aus. Stellte sie ordentlich nebeneinander. Wie immer. Als ließe sich damit etwas festhalten.
Am nächsten Morgen nahm er einen anderen Weg – der alte war keiner mehr. Es fühlte sich falsch an, fast wie ein kleiner Bruch im Tag. Und dann stand er vor einem Café, das er noch nie bemerkt hatte. Zwei Tische draußen. Eine Frau las Zeitung. Jemand lachte zu laut. Eine Tasse klirrte.
Er setzte sich nur kurz, um zu schauen. Auf die Uhr, die Leute, vielleicht auf nichts Besonderes. Er blieb länger, als er vorhatte. Sah den Menschen zu, die kamen und gingen. Niemand wartete auf ihn. Er musste nirgends hin. Der Platz am Tisch reichte. Und der um ihn herum auch.
Einfach da sein, ohne Ziel, ohne Zweck – das hatte es bisher nicht gegeben.
Da war wieder dieser Satz von gestern. Und auf einmal war er nicht neu. Er kannte ihn von früher. Ein Satz aus der Bibel: Dass alles seine Zeit hat. Sogar das Verlieren. Nicht nur das, was gelingt. Auch das, was geht.
Abends zog er die Schuhe aus. Diesmal stellte er sie nicht nebeneinander. Früher undenkbar. Jetzt standen sie einfach da. Und es fehlte nichts.
Ihnen allen einen schönen Sommer und viele gute Momente in dieser Zeit.
Ihr István Oláh (Gemeinde Scherpenberg)