Liebe Gemeinde,
jedes Jahr kurz vor Beginn der Passionszeit stellt sich mir die Frage: Fasten – ja oder nein? Und wie in den meisten Fällen habe ich mich auch dieses Mal wieder dagegen entschieden. In guter evangelischer Tradition, oder? Denn Luther selbst hat gesagt, dass das Fasten den Menschen bei Gott nicht besser dastehen lässt. Warum also die Mühe, oder besser gesagt, die Qual?
Die Reformatoren wollten den Menschen verdeutlichen, dass das Fasten als ein weltliches, äußeres Ding nicht viel für den Glauben beiträgt. Darin sind sie nah bei Jesus. Wenn wir fasten, sollen wir uns nicht verstellen vor unseren Nächsten und zeigen, wie toll wir das durchhalten. Wenn wir fasten, muss es aus dem Inneren kommen. Nicht für andere oder für eine Gegenleistung, sondern für mich selbst. Wenn ich mich eine Zeit lang nicht vom Handy oder Fernsehen ablenken lasse, bin ich empfänglicher für mich und meine Umwelt. Wenn ich sieben Wochen ohne Verzagtheit (diesjährige Fastenaktion der ev. Kirche) wage, fasse ich mir ein Herz und stelle mich ehrlich mir und Gott. So öffne ich mir selbst Begegnungsräume, in denen ich Verbindungen (neu) knüpfen kann. Hier können sich auch das Himmlische und Irdische begegnen. Dies zeigt sich auch in den besonderen Antependien unserer Kirche. Sie sind violett – eine Mischung aus dem Blau des Himmels und dem Rot der Erde, Zeichen der Ewigkeit und der Vergänglichkeit. Und ich bin mitten drin.
Das Fasten stellt uns vielleicht nicht besser bei Gott, aber es stellt uns vor Gott. Jesus sagt:
Wenn ihr aber fastet, macht kein saures Gesicht. Wenn du aber fastest, salbe dein Haupt und wasche dein Gesicht, um nicht den Leuten zu zeigen, dass du fastest, sondern deinem Vater, der im Verborgenen ist.
(Mt 6, 16f)
Und vielleicht faste ich dieses Jahr doch – machen Sie mit?
Pfarrerin Laura Bowinkelmann