Hier stehe ich, ich kann nicht anders – „Mein Luther-Moment“

Wir kennen alle Situationen, in denen wir gefordert sind, Stellung zu beziehen, Farbe zu bekennen, unsere Meinung zu vertreten. Besonders schwer fällt das, wenn wir dabei Menschen widersprechen, die wir lieben und deren Ansichten uns wichtig sind. Manche/r hat das auch in der Meinungsvielfalt der Corona-Zeit erfahren.

Die evangelische Kirche geht auf einen Mann zurück, dem der historisch nicht belegte Ausspruch: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ nachgesagt wird. Vor 500 Jahren stand Martin Luther vor dem Reichstag in Worms. Vor Kaiser und Reichsfürsten verteidigte er seine Lehre unter Berufung auf die Heilige Schrift und die menschliche Vernunft. Er stellte damit unerschrocken und glaubensstark sein Gewissen und sein Verständnis der Bibel über die herrschende Tradition mit den dazugehörenden Machtstrukturen. Diese Sternstunde für Haltung und Zivilcourage kann als Geburtsstunde des politischen Protestantismus angesehen werden und leitete den Beginn der Neuzeit ein. Luthers Schriften fanden durch die Erfindung des Buchdrucks schnell eine große Verbreitung, sowohl unter Gelehrten als auch in volkssprachlicher Übersetzung, was ihn zum ersten Medienstar des Druckzeitalters machte.

Eine Reformation mit Spaltung der Kirche war nie Luthers Ziel. Sein langes Ringen und seine Erkenntnis der bedingungslosen Liebe Gottes führten ihn an den Punkt, seine Überzeugung gegen alle Bevormundung zu bekennen, jeder Gefahr zum Trotz. Nur gute Argumente oder Zeugnisse der Heiligen Schrift hätten ihn nach eigenen Worten von seinem Fehlurteil überzeugen können. Luther erlebte seinen Glauben als befreiend. Er wollte diese Erfahrung teilen und jedem Christenmenschen ermöglichen.

Auch später gab es immer wieder Menschen, die sich ihrem Gewissen und ihren Erkenntnissen mehr verpflichtet fühlten als den Machthabern ihrer Zeit. Mahatma Gandhi vertrat konsequent einen gewaltfreien Protest gegen die britische Kolonialmacht in Indien. Sophie Scholl wäre am 9. Mai 100 Jahre alt geworden, sie starb für ihren Einsatz gegen das NS-Regime. 1955 blieb Rosa Parks auf ihrem Platz im Bus sitzen und stellte so die Rassentrennung in den USA in Frage. Sie und viele Menschen mehr sind uns Vorbild und ermutigen uns, uns für unsere Überzeugungen einzusetzen. So gesehen stellt sich für jede/n von uns die Frage, wo Haltung zu zeigen ist, im Großen und im Kleinen, öffentlich und privat. Anders ausgedrückt: „Wo ist mein Luther-Moment?“

Unter diesem Motto feiert die Evangelische Kirche in Hessen-Nassau das Jubiläum und ruft zur Suche nach persönlichen Luther-Momenten auf. Dabei geht es weniger darum, Haltung gegen etwas zu zeigen, als vielmehr für etwas und Sorge für das Gelingen zu übernehmen. Das kann z.B. die Mitgliedschaft in einer Kirchengemeinde mit Gottesdienstbesuch und ehrenamtlichem Engagement sein, aber auch die Hilfe bei der örtlichen Tafel, dem Kinderschutzbund oder dem Technischen Hilfswerk. Es gibt viele Möglichkeiten, seine Überzeugungen gewinnbringend für sich selbst und die Gemeinschaft einzubringen und damit ein Zeichen für ein friedliches Zusammenleben zu setzen.