Die Versuchung: Das Vaterunser – neu gelesen

Beten ist sprechen mit und zu  Gott. So soll es zumindest sein, aber wirklich sprechen mit Gott passiert oft nur in akuten Notsituationen, wenn man sich an Gott erinnert als den allumfassenden Macher, der einem eben aus dieser nicht selbst zu bewältigenden Situation heraushelfen soll. 

Ganz anders ist es bei den vorformulierten Gebeten. Hier spricht man einfach mit, ob im Gottesdienst, bei der Trauerfeier oder auf dem Kirchentag. Meist ohne direkte innere Beteiligung, manchmal litaneihaft, ohne dass die Worte in diesem Moment Bedeutung bekommen. 

„ … und führe uns nicht in Versuchung …“ ist ein Satz im Vaterunser, den man mitspricht, dessen Bedeutung aber selten gegenwärtig ist. Man bittet Gott, etwas nicht zu tun? Etwas, das er selbst vorhat? Das kann nicht sein, denn sein Wille ist allumfassend. Aber kann er das denn wollen – uns in die Versuchung zu führen, also eine Falle zu stellen, um zu sehen, ob wir uns bewähren? Das kann ich nicht glauben. So ist Gott nicht, ich sehe ihn als einen Vertrauten, der uns das Vertrauen schenkt, Versuchungen zu widerstehen und uns dabei leiten oder eben führen kann. So hat das schon Jakobus, der Bruder Jesu gesehen: Niemand sage, wenn er versucht wird, dass er von Gott versucht werde. (…) er wird von seinen eigenen Begierden (…) gelockt. Also wäre es nicht genauer zu bitten: Und führe uns in der Versuchung. Oder: Mach uns stark, der Versuchung zu widerstehen. Oder: Steh uns bei in der Versuchung?

In letzter Zeit ist eine Diskussion über diese Bitte losgetreten worden, von keinem Geringeren als Papst Franziskus, der – abgeschwächt – vorgeschlagen hat zu beten: Überlasse uns nicht der Versuchung. Auch diese Version zeigt an, dass Gott nicht aktiv den Menschen Prüfungen auferlegt, um ihn zu testen. Es soll ja Glaubensrichtungen  geben, in denen Corona als eine solche angesehen wird! Dann stünde im Zentrum unseres Glaubens ein zynischer Gott!

Und jetzt? Wir sollten es wagen, die Bitte im Gebet neu zu sprechen, positiv formuliert und auf Vertrauen zielend. Wenn selbst Franziskus diese alte Übersetzung stört! Aber vielleicht können wir die Diskussion darüber an geeigneter Stelle in der Gemeinde fortsetzen, z.B. im Gemeindebrief. (Denn es gibt ja auch noch die Geschichte von der geforderten Opferung des Isaak.) Ich würde mich freuen.

Wolfgang Geßner

 

Wer mehr dazu erfahren will:

www.evangelisch.de, Suche: „Die Sache mit der Versuchung“
www.kirche-und-leben.de, Suche: „Kirche, führe uns nicht in Versuchung“ 
www.sueddeutsche.de, Suche: „Strittige Reform eines Weltgebets“

Oder z.B. unter www.herder.de bestellbar: Thomas Söding, „Führe uns nicht in Versuchung. Das Vaterunser in der Diskussion“ 
ISBN: 978-3-451-38264-2 , 16 Euro