Interview mit Pfarrer Gres

Lieber Martin, du bist sehr lange in unserer Gemeinde als Pfarrer tätig. Zunächst als Pfarrer im Hilfsdienst von Juli 1983 bis Frühjahr 1985 (laut Gemeindebriefartikel). Im Anschluss daran wurdest du am 16. Mai 1985 in dein Amt als Pfarrer unserer Gemeinde eingeführt. Erinnerst du dich noch an diesen Tag und deine ersten Jahre in der Gemeinde?

Ja, selbstverständlich. Ich war ja noch jung und dementsprechend unsicher, wie ich es schaffe in einer Einzelpfarrerstelle. Das war damals eine völlig andere Situation als heute: PresbyterInnen waren deutlich älter und machten schon von der Statur her deutlich, „wir sind die, die hier das Sagen haben“. Das war nicht immer so einfach.

Ich denke an einige erfreuliche Begegnungen: Rita Schweitzer war schon da, erst als Jugend-, dann als Seniorenleiterin. Wir hatten noch einen Zivi, mit dem ich mich sehr gut verstanden habe, und den ich auch heute noch ab und zu treffe. Auch die anderen MitarbeiterInnen machten mir den Einstieg leicht. Es war eine spannende Zeit, ich war ja gerade frisch verheiratet und dann kamen die Kinder. Ich hatte immer Zeit, mich um die Familie zu kümmern. Doof war, dass man am Wochenende nicht mal spontan wegfahren konnte – man muss dann halt arbeiten.

 

Würdest du heute wieder Pfarrer werden wollen?

Ja, ein klares Ja. Ich finde diesen Beruf immer noch sehr attraktiv, vielseitig, spannend, mit relativ vielen Freiheiten und, wenn man das entsprechende Team hat, kann man auch Einiges bewirken. Und das gute Team hatte ich immer. Insofern blicke ich zurück und denke: Vieles ist gelungen, was ich und wir uns in der Zeit vorgenommen hatten. Ich war nie der Einzelkämpfer, der die Gemeinde in meine Richtung bewegen wollte, sondern habe immer geguckt, dass die anderen mitziehen, dass ich mich einbringe in ein Team von Mitarbeitenden, und das hat meistens gut funktioniert.

 

Wie hat sich deine Arbeit über die Jahre verändert?

Der Organisations- und Verwaltungsanteil ist deutlich größer geworden. Die letzten Jahre sind stark gefüllt mit Überlegungen zu Kooperation und Pfarrstellenkonzepten. Das wird auch in Zukunft noch so weitergehen. Dadurch habe ich weniger Zeit, für z.B. Besuche, und das finde ich schade.

 

Was waren und sind deine liebsten Tätigkeiten?

Ich feiere sehr gerne Gottesdienste mit der Gemeinde; ich überlege, wie kann ich einen Text, der 2000 Jahre alt ist, in eine Sprache übertragen, die Menschen von heute verstehen können. Das finde ich spannend. Außerdem habe ich gerne den Konfirmandenunterricht gehabt, weil es für mich wichtig ist, mit Jugendlichen zusammen zu versuchen, ihnen den Glauben erfahrbar und die Gemeinde erlebbar zu machen. Und auf jeden Fall die Menschen in der Gemeinde – viele sind mir ans Herz gewachsen.

 

Gab es besondere Gottesdienste, an die du dich erinnerst?

Da fallen mir spontan die Osternächte ein, das war eine sehr dichte Atmosphäre. Es war meditativ und besinnlich. Ich erinnere mich an manch andere Formen wie Passions- oder Adventsandachten, die manchmal sehr intensiv waren. Den letzten Reformationsgottesdienst fand ich gut, da die Menschen sehr interessiert waren. Manchmal war ein ganz normaler Gottesdienst ein Highlight für mich.

 

Was wirst du am meisten vermissen?

Wahrscheinlich den regelmäßigen Kontakt zu euch, das „mal eben Rübergehen“: Um 10 Uhr ist mit Sicherheit irgendjemand im Gemeindezentrum. Man spricht dann über Dienstliches und Persönliches. Den Kontakt zu Menschen fand ich immer sehr wichtig, egal aus welcher Altersgruppe. Da war ich, glaube ich, auch immer gut drin, Menschen nicht distanziert gegenüber zu stehen, sondern immer ansprechbar und offen zu sein.

 

Welche Wünsche hast du für die Kirche der Zukunft, sei es hier in Scherpenberg oder im Kirchenkreis?

Ich würde mir wünschen, dass sich Menschen weiterhin gerne und fröhlich im Gemeindezentrum zusammenfinden. Unter welchem „Titel“ die Gemeinde dann läuft, ist dabei zweitrangig. Ich selbst habe die Scheu vor Fusions- oder Kooperationsprozessen verloren. An einigen Beispielen kann man sehen, dass es funktionieren kann. Die Gemeinde vor Ort ist dann zwar nicht mehr selbstständig, aber behält trotzdem ihren Schwerpunkt und ihre Angebote. Da wünsche ich mir, dass es gut funktioniert und die Menschen das mittragen. Unsere kleine Gemeinde wird nicht für immer selbständig bleiben können, schon aus finanziellen Gründen. Da wird man mit Nachbargemeinden zusammen arbeiten müssen, mit evangelischen und katholischen.

 

Kannst du dir vorstellen, hin und wieder als „Gastpfarrer“ in Scherpenberg zu predigen?

Selbstverständlich, ja. Ich werde mir eine Auszeit gönnen und werde danach gern Vertretungen übernehmen. 

 

Als Pfarrer hast du an vielen Veranstaltungen der Gemeinde teilgenommen. Kommst du als Pensionär weiterhin zum Frühstück, Café Scherpenberg, Mittagstisch oder der Gruppe „Willkommen um 7“?

Ich werde nicht regelmäßig an den Angeboten teilnehmen, sonst merkt ja keiner, dass „der Alte“ nicht mehr da ist. Aber bestimmt werde ich immer mal wieder gerne auftauchen.

 

Hast du schon Pläne, wie du deinen Ruhestand füllen wirst?

Keine konkreten. Im Moment bin ich noch in der Phase, dass ich entdecke, was ich nicht mehr brauche. Also ich fange jetzt allmählich an, meinen Bücherschrank zu entschlacken, und ich werde dann die ersten Wochen des neuen Jahres Kalender und Schränke entrümpeln. Meine neue Wohnung ist mein neuer Lebensabschnitt, und da möchte ich mich dann auch gerne teilweise neu einrichten. Ich möchte mir auch Zeit geben, zu merken „Aha, das ist jetzt der neue Abschnitt“. Dann werde ich bestimmt auch reisen, Städtetouren zum Bespiel machen. Da möchte ich schon noch was erleben.

 

Was möchtest du sonst noch sagen?

Ich wünsche der Gemeinde, dass sie auch weiterhin gerne hier zusammenkommt, egal wer dann PfarrerIn ist. Dass sie mögliche strukturelle Änderungen in der Selbstständigkeit der Gemeinde mit dem Gefühl annimmt, es wird nicht weniger, es wird nicht schlechter, es wird nur ein bisschen anders! Ich traue es den Scherpenbergern zu, dass sie weiterhin zusammenhalten und ein Interesse daran haben, Gemeinde zu sein.

 

Wir danken dir ganz herzlich für das Interview und wünschen dir für deinen (Un-) Ruhestand alles Gute, Gesundheit, viele zufriedene Zeiten und natürlich Gottes Segen!

Danke, danke! „i.R.“ ist der offizielle Titel. Die Lesart „in Rufweite“ finde ich auch ok. Ich werde nicht so weit weggehen, dass man mich nicht mal eben rufen kann.

 

Das Interview führten Rita Schweitzer und Kerstin Lehnert