„Erste Hilfe für die Seele“!

Es ist Samstagnacht, 3.15 Uhr, als das Handy auf meinem Nachttisch klingelt: „Einsatzleitstelle Kreis Wesel. Wir brauchen Sie bei einem Verkehrsunfall auf der Krefelder Straße und zur Überbringung der Todesnachricht an die Eltern. Wie lange brauchen Sie ungefähr zum Einsatzort?“ Ich gehe kurz ins Bad, meine Kleidung habe ich mir für alle Fälle schon zurechtgelegt, und fahre schnellstmöglich zum Einsatzort.
Die Polizei erwartet mich dort. Vier Feuerwehrwagen, schweres Gerät, Krankenwagen und Bestatter sind vor Ort. Alle sind sehr beschäftigt, aber das Wesentliche ist getan, die Identität der Opfer ist eindeutig festgestellt. Und so fahre ich mit der Polizei zu den Eltern. Der leitende Polizist beginnt zu reden. Aber die Erfahrung hat mich gelehrt: wenn ich als Notfallseelsorgerin vorgestellt werde, wissen die Menschen, dass etwas unvorstellbar Schlimmes geschehen sein muss. Wenn die furchtbare Botschaft gesagt ist, muss die Polizei aber bald wieder abrücken, denn sie hat nicht viel Zeit, der nächste Einsatz wartet.

Zeit: das ist das, was ich habe. Dafür bin ich als Notfallseelsorgerin da: um Zeit zu haben für die unerträglichen ersten Minuten und Stunden, wenn man nicht fassen kann und nicht wahrhaben will, was geschehen ist.

Plötzlich und unerwartet, gleichsam aus heiterem Himmel, kann ein schwerer Unfall oder ein anderes schicksalhaftes Ereignis unser Leben in Bruchteilen von Sekunden verändern. In solch notvollen Situationen tut es gut, wenn Menschen in der Nähe sind, die in einer solchen Krise einfühlsam, helfend und beratend zur Seite stehen. 

Wir als Notfallseelsorger und -seelsorgerinnen im Kreis Wesel sind genau dann zur Stelle, wenn diese tragischen Ereignisse Menschen den Boden unter den Füßen entziehen – und das unabhängig von Religion und Konfession, Hautfarbe oder Nationalität.

Polizei, Feuerwehr oder Rettungsdienste fordern uns haupt- und ehrenamtliche NotfallseelsorgerInnen im Bedarfsfall in der Regel über die Kreisleitstelle der Feuerwehr in Wesel an, um „Erste Hilfe für die Seele“ zu leisten und Menschen solange in ihrer konkreten Situation zu begleiten, bis wieder eine innere Balance gefunden und Stabilität erreicht ist. Wir lassen uns rufen, wenn ein tragischer Unfall sich ereignet hat, bei erfolgloser Reanimation, bei der Verarbeitung nach der Überbringung  einer Todesnachricht durch die Polizei, einem plötzlichen Kindstod oder einem Suizid… – alles Ereignisse, die uns Menschen tief treffen und zugleich zeigen, wie verletzbar und schutzbedürftig wir bisweilen sind und sein können.

Dass die seelische Betreuung von Notfallopfern und die Begleitung von Einsatzkräften gerade von uns als Kirche erwartet wird, wurzelt im eigenen Selbstverständnis. Denn an welcher Stelle fänden sich die existenziellen Themen christlicher Glaubensüberzeugung in gedrängterer, dichterer Form als hier? Wenn sich die Warum-Frage schmerzhaft in die Seele bohrt, wenn Menschen jemanden brauchen, dem sie die Frage unter Tränen stellen können, wenn man vielleicht nur jemanden braucht, der einen umarmt und festhält - dafür sind wir da. Das ist urchristliche Aufgabe. Und es gibt keinen Bereich in meiner Tätigkeit als Pfarrerin, der mich mehr verstehen lässt, warum ich den Beruf gewählt habe, als die Notfallseelsorge.

​Wir sind im Kreis Wesel ein Team von haupt- und ehrenamtlichen NotfallseelsorgerInnen. Neben PfarrerInen gibt es auch Menschen aus allen möglichen Berufen, die sich für die Notfallseelsorge haben ausbilden lassen. Pfarrer Bernhard Ludwig ist unser leitender Notfallseelsorger, der unter anderem auch koordiniert, wer an welchen Tagen im Jahr im Einsatz ist. Die Einsätze enden, wenn die Akutsituation vorüber ist und/oder die Betroffenen an andere Helfer weitergeleitet worden sind.

Mein Einsatz, den ich zu Beginn beschrieben habe, endete nach fünf Stunden. Am Ende eines Einsatzes melde ich mich bei der Einsatzleitstelle und gebe Bescheid, dass ich für einen weiteren Einsatz wieder bereit stehe – immer in der Hoffnung, dass ich nicht gebraucht werde...

Pfarrerin Barbara Weyand, Meerbeck